Bericht unserer letztjährigen Abiturientin Milena Kulik über ihr Freiwilligenjahr in Indien

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Mein Freiwilligendienst in Indien
Anfang August letzten Jahres brach ich auf, um acht Monate lang einen Freiwilligendienst in Nordindien zu leisten. Für fast ein Dreivierteljahr lebte ich in einem Kinderheim für Kinder mit Behinderung und machte Hausaufgaben und Sport mit ihnen, spielte und bastelte was das Zeug hält.
Es gibt eine Theorie, die einen Freiwilligendienst in einem anderen Land in vier Phasen einteilt:

  • Honeymoon (dt. Hochzeitsreise): man ist begeistert von den ersten Eindrücken, alles erscheint wunderschön und einladend, man freut sich auf die kommende Zeit
  • Hostility (dt. Feindseligkeit): die Begeisterung ist abgeklungen, Heimweh, kulturelle Unterschiede werden als schlimm wahr genommen, „was mach ich überhaupt hier?“
  • Humour (dt. Humor): Eigenheiten des Landes erscheinen komisch und lustig, Fettnäpfchen und Missverständnisse werden leicht genommen
  • Home (dt. Heimat): man fühlt sich im Gastland daheim und wohl, man schätzt die Kultur des Gastlandes und adaptiert sogar einige Dinge
  • Die Phasen müssen nicht immer in dieser Reihenfolge eintreten, manchmal durchlebt man alle Phasen an einem Tag oder eine Phase tritt überhaupt nicht ein. Aber sie sind ein gutes Modell, in dem ich mich oft wiederfinden konnte.
    Mein Honeymoon in Indien beginnt mit der Gastfreundschaft. Herzlich werde ich von unserer Mentorin entgegen genommen. Auf der Straße ist alles bunt, Busfahren ist ein Abenteuer für sich. Das Essen ist lecker, mit den Fingern essen macht Spaß.

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    Beim Einkaufen bin ich überwältigt von den farbenfrohen indischen Klamotten. Ich freue mich, indische Kleider zu tragen.

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    Ich genieße die Spiritualität, die überall herrscht, wo man auch hinschaut gibt es kleine Tempel. Bunte Blumen am Straßenrand. Wir werden zu einer Familie nach Hause eingeladen und mit Tee und Essen verwöhnt. An unserer Einsatzstelle werde ich mit offenen Armen empfangen. Allerdings sind die Arme für meinen Geschmack manchmal ein bisschen zu weit offen. Ich werde wie ein hoher Gast behandelt, nicht wie eine Gleichgestellte. Man will mir nicht zu viel zumuten, ich habe nichts zu tun. Warum soll ich mich an einen anderen Tisch hinsetzen, als alle anderen Mitarbeiter? Heimweh lähmt mich. Keine Lust und keine Ideen. Doch dann, immer wenn ich während meines Freiwilligendienstes das Gefühl hatte, jetzt läuft es gerade gar nicht, passierte etwas, das mich wieder positiv stimmte. Sei es ein Fest, zu dem ich eingeladen werde oder ein großes gemeinsames Essen oder auch ganz kleine Dinge, wie, dass die Kinder mir zeigen, dass sie mich gern haben oder ein gutes Gespräch mit einer Freundin. Es sei denn, das Gespräch dreht sich darum ob es in Europa auch Schnaken gibt. Eine Freundin ist fest davon überzeugt, dass es in Frankreich überhaupt keine Moskitos gibt. Darauf sage ich, dass es bei uns in Deutschland auch Moskitos gibt. Ihre Erwiderung: Jaja, in Deutschland schon. Aber in Frankreich nicht. Das steht in meinem College-Buch. Gespräche wie diese oder Gesundheitstipps wie „Nie während dem Essen trinken, das ist schlecht für die Gesundheit!“ und „Beim Sitzen darfst nicht die Beine überschlagen, sonst kannst du nicht schwanger werden“ lassen einen oft schmunzelnd und lächelnd zurück. Dass man dabei nicht belächelt, ist ein schmaler Grat, auf den man achten sollte, damit man nicht überheblich wirkt. Denn einer der Grundsätze von weltwärts ist, den Partnern im Gastland auf Augenhöhe zu begegnen und das gegenseitige voneinander Lernen. Und gelernt hab ich in dem vergangenen Dreivierteljahr einiges. Nicht nur kann ich im indischen Straßenverkehr überleben und mich auf Hindi zurechtfinden, ich lernte auch Gebärdensprache und viele, viele indische Gerichte. Ich lernte, wie ein vorher fremder Ort zu einem zweiten Zuhause werden kann. Mein Einsatzort wurde über die acht Monate zu meiner Heimat, in der ich mich wohl fühlte, in der ich neue Freunde und Freundinnen gefunden habe und in der ich gerne noch ein bisschen länger geblieben wäre. Nicht um die Welt zu verbessern oder um armen Kindern das Leben zu retten, sondern um zu lernen, um Erfahrungen zu machen, um globale Themen zu verstehen. Denn was mir am nachdrücklichsten verdeutlicht wurde, ist, wie wichtig es ist, seinen Blick auch mal über sich und sein direktes Umfeld hinaus zu erweitern.